25.09.18 – Brief 1 an Henry

25.9.18

Brief Nr. 1

Lieber Henry,

heute ist Dein Brief vom 9. September angekommen. Oft muß ich mich während der Inquisition zwicken, weil ich mir nicht vorstellen kann, daß sich erwachsene Menschen so kriminell oder so kindisch verhalten würden, wie wir in diesen Vorführungen ertragen müssen.
(Doch kein absurder Traum)

Aber Cicero hatte schon gesagt: „Wer nicht weiß, was vor seiner Geburt in der Welt passiert ist, bleibt ein Leben lang ein Kind.“

Diese Zeit ist doch letztendlich sehr wertvoll für mich, da ich viele Dinge gelernt habe, die ich nur durch diese Erfahrung lernen konnte. Außerdem: Ein Mann ohne Knast ist ein Baum ohne Ast.

Henry, Du glaubst nicht (oder doch), daß alle Deutschen und auch Araber und Neger, mit denen ich in Kontakt komme, sehr viel verstehen von der Sache. Ich könnte schon ein ganzes Buch von den ersten 83 Tagen im Gulag schreiben, aber ich habe heute angefangen, in der Wäscherei zu arbeiten und will diesen Brief heute fertigmachen. Ich vermisse jetzt schon die guten Kameraden, die ich im Südbau, wo ich war, kennengelernt hatte. Alles Nazis, stell‘ Dir vor.

Einer dieser bösen Leute hatte mir ein Buch zum Lesen empfohlen. Und da ich zum Lesen Zeit hatte, habe ich das auch getan. Hier ein paar Zitate:

Der Waldgang – Ernst Jünger. 1951

Seite 53:

Dem Machtkampf geht Bilderabgleichung und Bildersturz voraus. Das ist der Grund, aus dem wir auf die Dichter angewiesen sind. Sie leiten den Umsturz ein, auch den Titanensturz. Die Imagination und mit ihr der Gesang gehört zum Waldgange.

und auf Seite 124:

Es ist schon ungemein wichtig, den Bedrohten an den Gedanken zu gewöhnen, daß Widerstand überhaupt möglich ist – ist das begriffen, dann wird mit einer winzigen Minderheit die Erlegung des gewaltigen, doch plumpen Kolosses möglich sein. Auch das ist ein Bild, das immer in der Geschichte wiederkehrt und in dem sie ihre mythischen Grundfesten gewinnt. Darauf erheben sich dann Gebäude für lange Zeit.

In meinem Video über Memen hatte ich doch alle meine 100 Schutzengel vorgestellt. Ich wollte dieses Video so gerne in der Muppet Show vorführen, aber der Inquisitor wollte es nicht sehen. Er meinte, es sei nicht relevant. Dazu kann ich nur sagen, man sollte diese Schutzengel niemals unterschätzen. Da sollte man sie doch wenigstens ansehen, damit man weiß, womit man es zu tun hat. Aber egal, das muß jeder selber wissen. Auf jeden Fall haben sie mir wieder geholfen, wo ich es gar nicht erwartet hatte.

Du weißt doch, daß ich überhaupt nicht singen kann. Da dachte ich, im Kirchenchor kann ich es ja mal probieren. Im schlimmsten Fall laufen die Gefangenen davon, wenn ich singe. Aber sie kommen nicht weit, denn an den Ausgängen stehen Beamte, die sie zwingen würden, meinem Gesang doch zuzuhören. Sorry, ich wollte von meinen Schutzengeln was sagen und bin von der Spur abgekommen.

Um uns zu ködern, diese Mühe auf uns zu nehmen, kriegen wir meistens einen kleinen Leckerbissen, Kalender oder sonstige Gegenstände. Einmal hatten sie Tageskalender; zurück in meiner Zelle dachte ich dann, „so ein Mist, da muß ich ja 2/3 der Seiten abreißen, um an den heutigen Tag zu kommen“. Die allermeisten Sprüche sind sowieso ziemlicher Unsinn, aber ich wollte sehen, was am 30.01.2018 stand, meinem 63. Geburtstag. Vor lauter Freude bekam ich Tränen in den Augen. Der 30.01. hat es in sich. Am 30.01.1945 wurde doch die Wilhelm Gustloff versenkt, voll geladen mit deutschen Frauen und Kindern, weit über 5000 Tote, etwa dreimal so viele wie beim Untergang der Titanic. In den Schulen reden sie aber immer nur über die Titanic. Sorry, schon wieder von der Spur abgekommen.

30.01.2018:

Da sprechen die Juden zu ihm: Wer bist du? Jesus sprach zu ihnen: Durchaus das, was ich auch zu euch rede. Johannes 8,25

Eine explosive Stimmung! Der Bibelvers nimmt uns direkt mit hinein in eine hoch angespannte Atmosphäre: auf der einen Seite Jesus Christus, auf der anderen Seite die damalige Führerschaft der Juden, die Pharisäer. Mit Argusaugen begleiteten sie den Sohn Gottes auf Schritt und Tritt. Nur zu gerne hätten sie den Herrn der Welt öffentlich zu Fall gebracht, aber bisher war ihnen das nicht gelungen. Sie merkten, daß das Ansehen dieses Mannes beim Volk ihrem eigenen Einfluß und ihrer eigenen Position gefährlich werden konnte.

Und:

Er hatte sie durchschaut, während ihnen der Durchblick fehlte!

Und:

Wir haben uns daran gewöhnt, mit mehr Schein als Sein, mit mehr Wort als Tat zu leben.

Henry, ich bin 6.000.000 mal lieber Monika oder Alfred im „Hotel Gitterblick“ als ein Inquisitor, jetzt Ende 2018.

Viele Grüße

Alfred

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